Moving Churches, Making Nations: Old Churches, New Villages, and Modern Architecture in the Carpathian Region, 1918 - 1939

Dissertation: Radu-Remus Macovei

Disassembly of the old wooden church of Medvedovce, Podkarpatska Rus, Czechoslovakia, before its relocation to Prague's Kinsky Garden in 1929.
Disassembly of the old wooden church of Medvedovce, Podkarpatska Rus, Czechoslovakia, before its relocation to Prague's Kinsky Garden in 1929. Photographed by Eng. Ant. Morávek. Ethnographic Archives of Negatives, Archives of the National Museum, National Museum of the Czech Republic. Inventory Number OAE_n5412. Retrieved 27. November 2024, Prague, Czech Republic. (National Museum of the Czech Republic. Used with permission)

Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurden Dutzende Holzkirchen aus der Karpaten Region in Ostmitteleuropa physisch in neu gegründete Nationalstaaten verlegt. Zwar hat die Forschung Holzkirchen als Kategorien traditioneller Architektur und nationalen Kulturerbes untersucht, doch die Mobilität dieser Gebäude als politischer und architektonischer Prozess hat bislang wenig Beachtung gefunden. Aufbauend auf jüngeren Forschungsergebnissen zu architektonischen Versetzungen (1) untersucht die Dissertation, wie die physische Verlagerung von Holzkirchen zur territorialen Konsolidierung und kulturellen Erneuerung der Nationsbildung im Ostmitteleuropa der Zwischenkriegszeit beigetragen hat. 

Anhand von drei vergleichenden Fallstudien aus dem Rumänien der Zwischenkriegszeit, der Tschechoslowakei und den ukrainischen Gebieten innerhalb der Zweiten Polnischen Republik verfolgt das Projekt vier Phasen der architektonischen Mobilität: Aufgabe, Entfernung aus ländlichen Gebieten, Einfügung in städtische Gebiete und Verbreitung von Modellen. Basierend auf Archivquellen aus lokalen, regionalen und nationalen Sammlungen analysiert die Dissertation die Verhandlungen zwischen Dorfgemeinden und staatlichen Institutionen, die an diesen Gebäudetransfers beteiligt waren. In diesen Verhandlungen instrumentalisierten staatliche Institutionen die Verlegung von Holzkirchen, um ethno-nationale Identitäten über die Herkunftsorte der Bauten hinaus zu projizieren und neue Umgebungen in nationales Territorium zu verwandeln. Im Rahmen von Diskursen über Authentizität reisten mit den Gebäuden Handwerker und Bauern, die von nationalen Institutionen neben Ingenieuren und Bauunternehmern in komplexen Arbeitsorganisationen angestellt waren, die handwerkliches Wissen mit moderner Baupraxis miteinander verbanden. Im Gegenzug tauschten die karpatischen Gemeinden ihre alten Holzkonstruktionen gegen finanzielle Mittel, die es ihnen ermöglichten, neue Kirchen in historisierenden Formen und mit modernen Materialien zu bauen. Damit verkomplizierten die ländlichen Gemeinden nationale Narrative über die Erhaltung der traditionellen Umwelt.

Das Projekt betrachtet karpatische Holzkirchen im Kontext von Debatten über architektonische Mobilität, ländliche Moderne und Austausch und hinterfragt damit ethnozentrische Geschichtsschreibungen, die ländliche Artefakte in erster Linie als fixe Marker nationaler Identität interpretieren (2). Stattdessen zeigt die Dissertation, wie Eigentumsübertragungen in der Zwischenkriegszeit, Museumspraxis und architektonische Eingriffe die ländliche Architektur in ein ambivalentes Spannungsfeld zwischen Modernisierung und Bewahrung gebracht haben. Durch die Nachverfolgung der materiellen und institutionellen Trajektorien versetzter Kirchen definiert die Dissertation ländliche Gemeinschaften und ihre Architektur neu als aktive Akteure im Prozess der Nationsbildung und der ländlichen Modernisierung. 

Methodisch kombiniert die Studie Provenienzforschung (3), genaue visuelle und textuelle Analysen sowie einen regionalen Vergleichsrahmen, um mikrohistorische Fallstudien zu entwickeln, die sich mit den umfassenderen Veränderungen in Architektur, Handwerk, Modernisierung und Staatsbildung im Ostmitteleuropa der Zwischenkriegszeit befassen. 

  1.  Payne, Alina. “The Portability of Art: Prolegomena to Art and Architecture on the Move.” In Territories and Trajectories: Cultures in Circulation, edited by Diana Sorensen. Duke University Press, 2018. p. 96; Allais, Lucia. “Integrities: The Salvage of Abu Simbel.” Grey Room, no. 50 (Winter 2013): 6–45.; Anstey, Tim. Things That Move: A Hinterland in Architectural History. The MIT Press, 2024, Chapter 3.
  2. Filipová, Marta. “National Treasure or a Redundant Relic: The Roles of the Vernacular in Czech Art.” RIHA Journal (Journal of the International Association of Research Institutes in the History of Art), no. 0066 (February 2013).
  3. Fleckner, Uwe, and Mari Lending, eds. Provenance in Architecture: A Dictionary. Hatje Cantz, 2025.
Radu Remus Macovei
Dozent am Departement Architektur
  • HIL D 62.1

I. f. Geschichte/Theorie der Arch.
Stefano-Franscini-Platz 5
8093 Zürich
Schweiz

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